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DIE VEREINSGESCHICHTE

Die Geschichte des Vereins ist untrennbar mit der Geschichte der Frauenbewegung verbunden. Ein bedeutsames Thema der 70er Jahre war schon damals Sexismuskritik (siehe Dagmar Schultz‘ Werk von 1979 „Ein Mädchen ist fast so gut wie ein Junge“). Da es eine institutionalisierte Frauenforschung noch nicht gab, entstanden Bewegungen, Frauennetzwerke, Tagungen, Schriften oder Projekte.

1982 fand anlässlich des 375jähringen Bestehens der Gießener Universität die erste bundesweite Frauenfachtagung der AG Frauen und Schule in Gießen statt. Wie stark die Frauenbewegung seinerzeit wuchs, zeigt sich daran, dass sich an dieser Tagung ca. 200 Frauen aus acht Bundesländern sowie aus Österreich beteiligten. Diese und die folgenden bundesweiten Fachtagungen waren damals das einige öffentliche Forum für Frauenkritik an Schule.

Da aber Schulpolitik Ländersache war und ist, konnte sich das konkrete schulkritische Engagement jeweils nur auf Landesebene abspielen und es bildeten sich entsprechende Landesgruppen. In Hessen wurde die AG Frauen und Schule Hessen (1984) als Vorläuferin des heutigen Vereins gegründet. Die Arbeitsgemeinschaft bereicherte die bildungspolitische Diskussion mit eigenen Beiträgen, wissenschaftlichen Expertisen und praktischen Erfahrungen.

In den 80er Jahren waren die politischen Rahmenbedingungen in Hessen vergleichsweise günstig für das Einbringen frauenspezifischer Anliegen in die Landes- und Bildungspolitik. Es war das erste Bundesland, das politisch auf die Forderungen der Frauenbewegung reagierte. Im Kontext der ersten rot-grünen Landesregierung wurde zwischen 1983 und 1987 ein landesweites Aktionsprogramm für Frauen entwickelt: Es gab personelle und finanzielle Ressourcen für Frauentagungen und Frauenforschung oder Initiativen zur Mädchen- und Frauenförderung. Dies ermöglichte in Hessen eine intensive Netzwerkarbeit der Frauen in Institutionen, Parteien, Gewerkschaften hinein. In diesen Jahren gab es eine breite Unterstützung durch die Frauenbeauftragten der Schulämter und viele andere Frauen und Männer in auf Leitungsebene. So konnten Frauen in Hessen immer wieder Einfluss nehmen auf Bildungs- und Frauenpolitik und die entsprechende Gesetzgebung. Lernziele, Lerninhalte, Fortbildungen, Verwaltungs- und Gesetzestexte wurden kritisch überprüft und im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit verändert.

Diese Vernetzung auf allen Ebenen wurde Ende der 80er Jahre durch den Politikwechsel zur CDU-Regierung erschwert. Viele laufende Prozesse wurden ausgebremst, indem die Ressourcen zurück gefahren wurden. Immerhin konnte aber gewährleistet werden, dass eine begonnene Studie („Interaktionsstudie“) zu geschlechtsspezifischen Interaktionsmustern im Unterrichtsalltag 1989 noch abgeschlossen wurde. Uta Enders-Dragässer und Claudia Fuchs erhielten 1990 dafür den Elisabeth-Selbert-Preis der Hessischen Landesregierung.

In den 90er Jahren rückte unter der Regierungsverantwortung der erneuten rot-grünen Koalition das Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit wieder mehr in den Fokus. Begünstigend wirkte hierfür auch die europaweite Selbstverpflichtung, das Prinzip des Gender Mainstreaming in allen politischen Entscheidungen zu berücksichtigen.

Im dieser Zeit initiierte Vereinsfrau Uta Enders die Umwandlung der AG in einen gemeinnützigen Verein. Somit konnten bildungspolitische Aspekte nun auch über den LandesFrauenRat Hessen in die Landespolitik eingebracht werden. Auf einige Erfolge seiner Einflussnahme ist der Verein mit Recht heute noch stolz:

  • 1994 wurde das Hessische Gleichstellungsgesetz (HGlG) verabschiedet, das den Öffentlichen Dienst  verpflichtete, Frauenförderpläne zu erstellen . In Dienststellen mit mehr als 20 Beschäftigten wurden Frauenbeauftragte zur Pflicht.
  • 1996 fand auf Initiative von Frauen & Schule Hessen e.V. die Option  geschlechtergetrennten Unterrichts Einzug in das neue Hessische Schulgesetz (Erster Teil, § 3 „Grundsätze…“) und ist  bis heute gültig.
  • 1997 wurde der 11. Bundeskongress Frauen und Schule mit 750 Teilnehmerinnen vom Verein Frauen & Schule in Kassel organsiert.

Mit dem Politikwechsel zu einer reinen CDU-Regierung im Jahr 1999 veränderten sich die Rahmenbedingungen für die Frauenvereinsarbeit erneut. Letztendlich stagnierte die Zahl der Mitglieder, es fehlte der verjüngende Nachwuchs. Die Existenz des Vereins war ernsthaft gefährdet. 2011 musste  auf einer außerordentlichen Versammlung vorübergehend ein geschäftsführender Vorstand eingesetzt werden, weil sich niemand für die Fortführung der Vorstandsarbeit fand. Doch trotz der verschlechterten Bedingungen mischte sich der Verein weiterhin ein, so z.B. 2014 und 2015  bei Gesetzesnovellierungen des Hessischen Gleichstellungsgesetzes (HGlG) bzw. Hessischen Schulgesetzes (HSchG). Darüber hinaus verfasste der Vereinsvorstand Stellungnahmen zu aktuellen frauenpolitischen Themen.

Seit Februar 2017 setzt sich der stark verjüngte Vorstand zusammen aus Dr. Ursula Neidhardt aus Wiesbaden (Vorsitzende), Sonja Röse aus Habichtswald (Stellvertreterin) und Anke Förster aus Fuldabrück (Kassenführerin). Diese haben sich eine Modernisierung und Verjüngung des Vereins zum Ziel gesetzt, um sein Fortbestehen zu gewährleisten.

Zusammenfassend kann festgehalten werden:

Früher konnte der Verein Frauen & Schule Hessen über viele Jahre hinweg aktiv Einfluss auf höchster Entscheidungsebene nehmen, weil in der damaligen gesellschaftlichen Diskussion das Thema Gleichberechtigung, Rechte von Frauen und Karriereentwicklung von einem breiten Netzwerk von Politikerinnen, Mandatsträgerinnen und Frauen aus Schulen, Schulämtern, Fortbildungseinrichtungen und Universitäten getragen wurde.

Heute treten frauenpolitische Themen vordergründig gegenüber anderen gesellschaftspolitischen Themen zurück. Viele der früheren Forderungen scheinen in der heutigen Zeit erfüllt zu sein. Aber wer für das Thema Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert ist, kann nicht verleugnen: Frauenfragen und Geschlechtergerechtigkeit sind keine Themen von gestern, sondern sie sind heute aktueller denn je. Umso mehr hat die öffentliche Präsenz von Frauen, die öffentliche Diskussion über ihre Rolle und ihre Rechte, ein sich gegenseitiges Stärken und Vernetzen wieder an Bedeutung gewonnen. In diesem Sinne hoffen wir auf ein reges Interesse an der Vereinsarbeit von Frauen & Schule Hessen e.V. und auf eine engagierte Unterstützung.

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